Die Tochter des Ganovenkönigs

von Ad de Bont

 

mit Carla Becker, Hermann Book, Sergej Gößner, Gabriel Kähler, Marie Scharf, Genet Zegay

 

Regie: Isabel Osthues
Bühne: Jeremias Böttcher
Kostüme: Mascha Schubert
Komposition: Timo Willecke

Premiere: 31. August 2019
Junges Schauspielhaus Hamburg

 

Termine: Junges Schauspielhaus Hamburg

 

„Jahrelang habe ich alle Freveltaten meiner Eltern mit dem Mantel der Liebe zugedeckt. Aber jetzt kann ich ihr schändliches Treiben nicht länger ignorieren. Deshalb habe ich die dezidierte Absicht, mich von ihnen zu trennen.“
Auf einem Schloss aufzuwachsen klingt nach dem Traum vieler Kinder. Doch Julchens Leben als Tochter eines Königspaars ist alles andere als glamourös: Ihre Eltern fluchen und schimpfen ununterbrochen und interessieren sich kein bisschen für ihr Kind. Julchen stellt sich daher die radikale Frage: „Was ist schlimmer: schlechte Eltern? Oder überhaupt keine Eltern?“

Der niederländische Autor und Theatermacher Ad de Bont erhielt gemeinsam mit seiner Übersetzerin Barbara Buri 1998 den Deutschen Kindertheaterpreis für sein Stück – das formal sowohl Elemente eines Märchens als auch einer Farce vereint –, in dem ein eloquentes Mädchen die bestehenden Verhältnisse in Frage stellt, Gerechtigkeit und moralisches Handeln einfordert, obwohl die Welt, in der es aufwächst, von Gier, Korruption und Herzlosigkeit geprägt ist.

 

Text: Junges Schauspielhaus Hamburg

Fotos: Sinje Hasheider

Presse

Am Jungen Schauspielhaus sind die Theatermacher findig darin, Stoffe, die junge Menschen umtreiben, gekonnt und ziel­gruppen­gerecht auf die Bühne zu bringen. (...) „Die Tochter des Ganovenkönigs“ des holländischen Dra­ma­tikers Ad de Bont kommt im Gewand einer klassischen Banditen-Farce daher, hinter der sich aber einige sehr ernste Familien­fragen verbergen. Sind schlechte Eltern eigentlich hin­zu­nehmen? Und wie geht man mit einer Groß­mutter um, wenn sie manchmal ein wenig wirr im Kopf ist?

Isabel Osthues inszeniert diesen Krimi mit viel Action, Märchen­elementen und einem spiel­freudigen Ensemble. (...) Genet Zegay spielt selbst­bewusst und integer Julchen, die Tochter eines schrillen Gangster­pärchens, das sich wie ein Königspaar inszeniert. Hermann Book ist ein grandios halbseidener Bandit im Leopardenanzug mit Krone auf dem Kopf, hysterisch mit der Goldknarre fuchtelnd. Nicht minder exzentrisch: Marie Scharf, ebenfalls neu an der Kirchenallee, als Gattin, ein mit Kunsthaar, Lackstiefeln und Pelz aufgemachtes Luder (Kostüme: Mascha Schubert). Die Gier nach noch mehr Geld und noch mehr Macht hat bei beiden jedes Gefühl für Moral erstickt. Die Verrohung der Sitten geht auch mit jener der Sprache einher – etwas, das uns heute aus den sozialen Medien leider allzu vertraut ist. Der Familienschrecken findet seinen Höhepunkt an Julchens bevorstehendem zwölften Geburtstag, an dem die eigenen Eltern sie gewinnbringend verkaufen wollen. Die zeitweise demente und also lästige Großmutter (Carla Becker) wird gleich einfach im Wald „entsorgt“. Spätestens hier dämmert es Julchen, dass die Eltern gravierende Defizite haben und beantragt bei Gericht die Scheidung von ihnen. (...) Es gibt wenig zu hoffen in dieser Geschichte, in der die Vertrauenspersonen im Leben eines Menschen, die eigenen Eltern, aber auch die Rechtsdiener, vertreten durch einen korrupten Kommissar (Gabriel Kähler) und einen kriminellen Richter (Sergej Gößner) aufs Deprimierendste versagen. Sie zeigt aber auch, dass man wie Zegays Julchen auch in einer solch feindlichen Umgebung charakterstark und mit intaktem moralischem Kompass heranwachsen kann. (...) Die Bling-Bling- Gangster-Welt mit ihren Verlockungen und nach sich ziehenden Verrohungen hat de Bont (...) hellsichtig beschrieben. Im Instagram-Zeitalter drohen junge Menschen mehr denn je zweifel­haften materiellen Konsum­ver­heißungen zu erliegen. Regisseurin Isabel Osthues über­zeichnet die Farce, (...) Gleichzeitig betont sie den märchen­haften Charakter. (...) Das macht den Stoff auch für die ab zehn Jahren geladene Alters­gruppe zu einem unterhaltsamen, aber auch lehr­reichen Theater­vergnügen.

 

Annette Stieleke, Hamburger Abendblatt, 02.09.2019