Don Karlos

von Friedrch Schiller

 

mit Michael Benthin, Sophie Melbinger, Raphael Gehrmann, Benedict Fellmer, Hans Fleischmann, Friedrich Witte, Hendrik Richter, Lisa Förster, Andreas Seifert

 

Regie: Isabel Osthues
Bühne: Jeremias Böttcher
Kostüme: Mascha Schubert
Musik: Timo Willecke
Video: Martin Eidenberger

Premiere: 19. Oktober 2018
Theater Heidelberg

 

Termine: Theater Heidelberg

 

Don Karlosʼ ältester Freund ist aus Brüssel angereist, nach langer Zeit sehen sie sich endlich wieder – doch Marquis von Posa liegt nur eines am Herzen: Er möchte den spanischen Kronprinzen von seinen politischen Plänen überzeugen und bittet um Unterstützung bei der Befreiung der Niederlande gegen die spanische Fremdherrschaft. Aber Don Karlos hat gerade keine Zeit für Politik, liebt er doch immer noch Elisabeth, seine ehemalige Verlobte, inzwischen aber Frau seines Vaters, des spanischen Königs. Erst nachdem es Posa gelingt, die Königin ins Vertrauen zu ziehen, kann auch Don Karlos für Posas Vorhaben gewonnen werden – aber inzwischen nehmen gleich mehrere Intrigen ihren Lauf: König Philipp misstraut seinem Sohn, Prinzessin Eboli ist gefährlich eifersüchtig und der skrupellose Herzog Alba fürchtet um seinen Einfluss am Hof.

 

Text: Theater Heidelberg

Fotos: Sebastian Bühler

Presse

(...) So wie die Regie eine Titelfigur zeichnet, der Raphael Gehrmann ein brillantes Profil gibt, werden alle Protagonisten „privat“ ausgeleuchtet in Schillers „dramatischem Gedicht“, denn Isabel Osthues will in jene Schichten vordringen, die zwischenmenschliche Reaktionen bestimmen.
Das (...) wird umso aufregender, je mehr sich im Verlauf des Abends herausstellt, wie sehr sich Verhärtungen und Irrationalitäten auch in unterschiedlichen Systemen quer durch die Jahrhunderte ähneln. Befördert wird diese Sicht auch durch ein fokussiertes Bühnenbild von Jeremias Böttcher mit abstrahierenden Videos von Martin Eidenberger und ausgeklügelter Lichtführung von Ralf Kabrhel. (...)
Don Karlos hat es schwer. Er buhlt um die Liebe seines Vaters, doch wäre es dem zu verdenken, dass er dessen überschäumendem Temperament misstraut und ihm deshalb keine Heeres-, keine Staatsführung zutraut, zumal der (religiöse) Konflikt in Flandern von höchster staatspolitischer Brisanz scheint? Vordergründig plausibel, doch die Regisseurin geht weiter in ihrer Analyse dieses Potentaten. Klar, er ist eingezwängt in Etikette, Intrigenspiel und im Würgegriff der Kirche, doch im Innern brodelt mehr: Auch bei ihm unerfüllte Liebe, Verlustängste, Hoffen auf Geborgenheit, statischer Machtinstinkt – und sexuelle, damals gefährliche Sehnsüchte. Diese Gemengelage nutzt Michael Benthin zu einer Charakterstudie bis hin zu wahnhaftem Exzess. (...)

 

Mannheimer Morgen

Könige haben es auch nicht leicht


Der König verlässt sich auf brutale Typen wie Herzog Alba (Friedrich Witte). Aber wenn er nachts einsam ist im Palast und auch die Prinzessin Eboli wieder sein Bett verlassen hat (Lisa Förster spielt virtuos ihre emotionale Verwirrung), geht er auf die Suche nach seiner weichen Seite und schlüpft ins Samtkleid seiner Gemahlin, bevor er sich den Lippenstift aus dem Gesicht wischt und wieder ganz der böse Alte ist. (Michael Benthin porträtiert den Herrscher eines Weltreiches zwischen Melancholie und Strategie, der seine Gefühle meistens kontrollieren kann und auch weiß, wann er verloren hat.)(...) Am Heidelberger Theater konzentriert sich Isabel Osthues in ihrer Inszenierung von Schillers ‚Don Karlos‘ ganz auf die letzte Hoffnung auf Freiheit, der Blick in die Zukunft ist düster. Osthues hat am Ende des dreistündigen Abends ihr Psychogramm eines Machtapparates zusammengebaut. (...) Es ist ein starkes Finale, bei dem alle Beteiligten auf der leeren Bühne aufgestellt sind, ein Endspiel, das den Untergang vorwegnimmt, während in der Ferne die Luftschutzsirenen heulen.

 

Wiesbadener Kurier

 

 

Schillers "Don Karlos" ist auch heute noch aktuell Geschichte einer finsteren Zeit in Europa - Ein großartiger Abend mit tollen Schauspielern


"Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter", sagt König Philipp II. von Spanien, der Herrscher über ein Weltreich. Aber dennoch liegt Europa in dieser finsteren Zeit des 16. Jahrhunderts im Dunkeln. Mit Tyrannei und brutaler Inquisition überzieht Philipp nicht nur Spanien, sondern auch die Spanischen Niederlande. Das Licht von Freiheit und Menschenrechten ist bei der bluttriefenden Verfolgung von Protestanten und Andersdenkenden nirgends zu sehen.
Das ist ein Dunkeleuropa, wie man es sich selbst in der gegenwärtigen EU-Krise kaum vorstellen kann - dessen Friedhofsatmosphäre aber vielleicht doch durch die diktatorischen Tendenzen rundum irgendwann eintreten kann. Das Heidelberger Theater hat den Bühnenklassiker von 1787 in der Inszenierung von Isabel Osthues so packend wie ergreifend dargeboten. Gerade auch mit Blick auf das Europa der Gegenwart.
Schwarzweiß, wie Philipp die Welt sieht, geht es zumeist auch auf der Bühne zu. Aber als die Prinzessin Eboli mit einem sattorangefarbenen Kleid in helles Licht tritt, ist es, als würde selbst im geknechteten Spanien die Sonne aufgehen (Kostüme: Mascha Schubert) - ein absolut starker Effekt. Überhaupt stechen die intensivfarbigen Auftritte der Frauen, auch von Königin Elisabeth, aus der umgebenden Tristesse der sehr heutig gekleideten Männerwelt stark heraus. Obwohl auch Rivalinnen, scheint in den beiden hohen Damen das Licht von Humanität und Selbstbestimmung noch am stärksten zu leuchten. (...)
In dieser so unberechenbaren wie bedrohlichen Gesellschaftsmaschinerie werden alle Menschen gebrochen, selbst und gerade auch Philipp II. als die politische Zentralfigur. Schauspieler Michael Benthin, der mit dieser Rolle sein Heidelberg-Debüt im Marguerre- Saal gibt, stellt einen zwischen absoluter Machtausübung und Selbstzweifeln hin- und hergerissenen König da. (...)
Raphael Gehrmann gibt einen schlaksigen und aufrührerischen Infanten Karlos, der zugleich einem wahren Dilemma nicht entkommen kann: Er liebt immer noch seine frühere Verlobte Elisabeth, die jedoch von seinem Vater geheiratet wurde und nun seine Stiefmutter ist. Dagegen ist der von Benedict Fellmer gegebene Marquis Posa geradezu ein Ausbund an Aufgeklärtheit. Aber so strategisch konsequent er auch einen Aufstand entfachen will, sein kühles politisches Kalkül geht doch in die Hose.
Und natürlich ist auch die von Sophie Melbinger dargestellte Königin Elisabeth von Valois heillosen Verstrickungen ausgeliefert - der Zwickmühle zwischen ihrem Ex-Verlobten Karlos und dem Jetzt-Gatten Philipp sowie der Zerreißprobe zwischen staatstragender Rolle und Sympathien für die Freiheit in den Spanischen Niederlanden: "wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa bliebe!" (...)
Irgendwie hat doch jeder etwas von Philipp, Karlos oder der Eboli in sich. Nicht zuletzt deshalb ist dieser großartige Theaterabend (empfohlen ab 14 Jahren) mit seinen tollen Schauspielerleistungen über drei Stunden so fesselnd.
Man spürt, dass man auch heute um die Freiheit in einem hellen Europa kämpfen muss. - Begeisterter Applaus.

 

Rhein Neckar Zeitung