Fragen der Einstellung

von Michel Vinaver
Schweizerische Erstaufführung


mit: Raphael Clamer, Jean-Pierre Cornu,
Olivia Grigolli, Bettina Engelhardt

Regie: Isabel Osthues

Bühne und Kostüme: Franziska Rast

Premiere: 18. November 2000
Schauspielhaus Zürich

 
Die Stücke des 1927 geborenen Franzosen und zeitweiligen Gillette-Geschäftsführers Michel Vinaver sind nicht «aktuell», sondern literarisch. «La demande d'emploi», Anfang der siebziger Jahre entstanden, wirkt heute taufrisch: Weil die darin verhandelten «Fragen der Einstellung» - so übersetzt der deutsche Titel mit schöner Zwei­deutigkeit - nach wie vor Antworten suchen. Eine, die sich aus vielen zusammen­setzt oder in viele verzweigt, findet die junge Isabelle Osthues bei ihrem ersten Regieauftritt in der Box des Zürcher Schiffbaus. Am Schluss des inspi­rie­ren­den Abends geht nämlich kein Vorhang zu über Franziska Rasts Bühne (links aussen, intakt, die disney­ifizierte Miniatur­landschaft mit Gebirge, Tannen, Märklin-Eisenbahn und einem Pont d'Avignon; zentral, von zerquetschten Geburts­tags­torten­frag­men­ten übersät, der Büro-, Operations- oder Esstisch; rechts oben im Hinter­grund ein unermüdlich Briefpost trans­por­tierendes Fliess­band; unten im Vordergrund zwei respekt­heischend riesenhafte, schwarz­lederne Sessel­kojen): Und die offen gebliebene Frage nach unserer höchst­per­sönlichen Ein­stellung zu den privaten und öffent­lichen Dingen der Familie Fage dürfen wir mit­nehmen auf den Heimweg.

Fragen über Fragen

Wird der Vater, der seine Pfeifen­sammlung auf der Strasse an Passanten verschenkt hat, die arbeits­lose Zukunft einem neuen Hobby widmen, zum Beispiel dem Bogen­schiessen? Wird seine Frau Louise, die neuer­dings jobbt, Karriere machen oder dem vertraulichen Angebot des Personal­leiters Wallace nach­geben, der sich ihr­gegen­über offen­herziger zeigt als im inquisi­torischen Test­gespräch mit Monsieur Fage? Wird dieTeenager-Tochter ihr möglicher­weise dunkel­braunes Kind bekommen, die Schule als Klassen­beste abschliessen, neben politischen Mit­aktivisten im Knast landen? Ist diese Nathalie über­haupt schwanger, und wenn ja, von wem? «Papa tu mir das nicht an»: der erste Satz, den die trotzig- kokette Bettina Engelhardt im Kanon des Vier­personen­stücks spricht, bezieht sich auf die zwecks einer Abtreibung geplante London­reise, suggeriert aber zwischen den Zeilen ausserdem - wie später andere Indizien - eine inzestuös gefärbte Auslegung.
«Vater und Tochter Fage», verkündet Jean- Pierre Cornu strahlend, «ein berühmtes Paar in Courchevel»: Wenn der Stellen­bewerber seinem Gesprächs­partner Wallace, den Raphael Clamer als gelackter Yuppie mit Mephisto-Allüren versieht, klarmachen will, dass sportliche Ertüchtigung seit je zu seiner Freizeit gehört und ihn deshalb qualifiziert für einen Posten in der Tourismus­branche, wedelt er die bühnen­breite Spann­teppich­welle aus grauem Plüsch so elegant hinab, als befände er sich auf der Skipiste in besagtem Winterkurort. Uns aber wird es ob dem väterlichem Stolz leicht ungemütlich. Auch müssen Gründe existieren, weshalb Olivia Grigolli als Mutter des Backfischs, der seinen Bauch gern provozierend zur Geltung bringt, und als Gattin eines Familien­ober­hauptes, das nach 23 Jahren glorioser Berufs­tätigkeit plötzlich ging oder aber, weit demü­tigender, gegangen wurde, eine nervöse Hyper­aktivität an den Tag legt. Louise verbirgt ihre Un­zu­frieden­heit schlecht.
Wallace, der sein scheinbar sachliches Verhör mit psycho­logischen Fang­fragen spickt, möchte die «Gesamt­heit des Menschen» erfassen; Nathalie philosophiert altklug, man lebe «auf ver­schie­denen Ebenen». Vinaver theatralisiert die Welt, indem er sie als jene Bühne vorführt, auf der «man» oder «der Mensch» seine viel­fältigen Rollen spielt. Das Individuum sieht er als durchaus teilbare Grösse. Je nach Gesichts­punkt stellt es sich so oder anders dar, je nach Um­gebung wird es so oder anders wahr­ge­nommen. Vinavers Personal scheint, von Ibsen kommend, unter­wegs zum neuen Stück die ab­ge­schlossenen Konturen verloren zu haben; das Stück selbst sprengt die lineare Zeit­struktur und lässt die Gleich­zeitig­keit des Un­gleich­zeitigen einfallen in den Raum: Eine bestimmte Situation kristallisiert sich bloss augen­blicks­weise - anhand von Dialog­bruch­stücken -aus einer Sphäre heraus, in der andere Situationen flottieren. Die Überlagerung von gegenwärtigen oder vergangenen Lebens­geschichten­zer­splittert nicht nur die - nie eindeutig verifizierbare - «Handlung». Sie weitet auch die - darum nicht weniger wahre - «Wirklichkeit» aus in den Bereich der Phantasien, Ängste, Wünsche, Begierden. Biographie: ein Kaleidoskop.

Bravouröse Inszenierung

Isabelle Osthues' Inszenierung trägt solch komplexen Um­ständen bravourös Rechnung. Im Gewirr der Stimmen spannt die Regisseurin Fäden, die ihr energie­geladenes Ensemble weiter­spinnt, um die laby­rin­thischen Beziehungen zu skizzieren. Oft widersprechen den Worten dabei Blicke, Gesten, Posen. Nathalies einsame Fress­attacke, Louises ver­zweifelte Yoga-­Gymnastik, das In- sich-Zusam­men­sinken von Fages auf­rechter Gestalt strafen lächer­lich selbst­sichere Reden Lüge - auf komische und berührend ehrliche Art.

 

Text: Barbara Villiger Heilig
Fotos: Leonard Zubler (sw), Gero Sander