Himmels-W (UA)

von Monique Schwitter


mit: Elisabeth Kopp, Annika Meier, Horst Warning, Peter Waros, 
Samuel Zumbühl


Regie: Isabel Osthues

Bühne und Kostüme: Sigi Colpe

Premiere: 03.04.2008
Luzerner Theater

 
«Kleine Untersuchungen des Lebens» nennt Monique Schwitter ihre Prosa. Auch ihr erstes Theaterstück, für das Luzerner Theater geschrieben, ist eine Erforschung alltäglicher Lebenssituationen, diesmal in dramatischer Form. Grundlage des Stückes ist eine kassiopeiasche Versuchsanordnung. Himmels-W ist ein anderes Wort für das Sternbild Kassiopeia, das ein W in den Himmel schreibt und fünf Punkte miteinander verbindet. Das Personal des Stückes besteht demnach aus fünf Menschen unterschiedlichen Alters. Die erste Szene des fünfteiligen Stückes spielt, wie alle anderen auch, in einem öffentlichen Raum: Die Zwillinge Ben und Chiara laden ihre Mutter Anna an deren Geburtstag in ein Restaurant zum Essen ein. Auch Annas Lebensgefährte, ihr Stiefvater David, und Edgar, den sie für Davids Vater halten, sind eingeladen. Anna lässt auf sich warten ...

Die weiteren Szenen des Stückes zeigen die Figuren mit gleichem Namen, gleichem Habitus, jedoch in jeweils anderen Konstellationen und an anderen Orten. Nach und nach enthüllen sich ihre Konflikte, die in der ersten Szene bereits angelegt sind und kehren als Auseinandersetzungen, Erwartungen, Ängste, Überforderungen und Sehnsüchte wieder. Monique Schwitters Figuren entziehen sich einer eindeutig zu entschlüsselnden Biografie und Identität. Alle umkreisen sie jedoch die Frage, wohin man will, wenn man nach oben will; wohin man strebt, wenn man nach einem Sinn sucht.

Monique Schwitter, 1972 in Zürich geboren, arbeitete als Schauspielerin an den Schauspielhäusern Zürich, Frankfurt am Main, Graz und seit 2005 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 2005 erschien ihr erster Erzählband «Wenn’s schneit beim Krokodil». Monique Schwitter erhielt mehrere renommierte Literaturpreise, u.a. den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung Luzern, den Robert Walser-Preis und den Förderpreis der Schweizer Schiller Stiftung 2006. Soebenerschien ihr erster Roman «Ohren haben keine Lider». Zurzeit arbeitet Monique Schwitter an dem Romanprojekt «Wo ich geh».

 

Text: Luzerner Theater
Fotos: Tanja Dorendorf

Pressestimmen

Das ist schon ziemlich raffiniert gemacht von Monique Schwitter, die als Mitglied des Ensembles am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg natürlich weiss, was SchauspielerInnen mögen: Ihre Figuren bleiben – durch alle möglichen Konstellationen und Verwerfungen hindurch – ganz bei sich selbst. Ihre Fragen sind existenziell und verschwinden nicht eben mal, bloss weil die, die eben noch Mutter war, jetzt als beste Sportsfreundin mit durch den Park joggt. […] Nein, dieses Stück hat seine Schwächen nicht in der Anlage – die kommt hier möglicherweise verkopfter rüber, als sie , in der leichthändigen Inszenierung von Isabel Osthues und auf der schönen Drehbühne von Sigi Colpe, in Wirklichkeit ist. […] Wie dann aber die Jüngste, die Chiara von Annika Meier, als Letzte das Wort ergreift und gar nichts sagt, unterstreicht kur vor Schluss nochmals das grosse Talent der Autorin, in wenigen, knappen Sätzen eine Szene nochmals ganz neu zu kolorieren.
nachtkritik.de, 3.4.2008

Die Idee des Stückes ist irgendwie einfach und raffiniert. Und unter der Regie von Isabel Osthues wirkt alles sehr leicht und verspielt. Die fünf Schauspieler und Schauspielerinnen haben gleichberechtigte Rollen. Die Autorin Monique Schwitter hat für alle einen kurzen Monolog geschrieben, der jeweils am Anfang der fünf Szenen steht. Und so zeigt sich ein starkes Luzerner Ensemble. […] Das Stück lebt von guten Texten und Sprachwitz. Es lebt von den Personen, die sich immer wieder neu erfinden, sich aber trotzdem weiterentwickeln. Es lebt von den Situationen, in die sie geschickt werden. [...] Es sind so grosse Themen wie Enttäuschung, Angst, Leben, Tod und Hoffnung, die immer wieder auftauchen. Es menschelt auf der Bühne, weil man in Himmels-W immer wieder Menschen begegnet, die ein wenig so sind wie du und ich.
Regionaljournal Zentralschweiz, DRS1, 4.4.2008


Das Fast-Nichts ist oft das beste Futter für Schauspieler. […] Das Luzerner Ensemble fühlt sich über weite Strecken sehr wohl in diesem szenischen Imaginationsraum, der so eigentümlich oszilliert zwischen realistischen Konstellationen und purer surrealer Spiellust und jedem Darsteller für einen Introduktions-Monolog offen steht. Über die ganze Aufführung brillieren vor allem Elisabeth Kopp, die als 37-jährige Anna auf manchmal überaus komische Weise die Balance zwischen Verletzlichkeit und Selbstironie hält, und der über Jahrzehnte dem Luzerner Theater verbundene Horst Warning, der mit der Sparsamkeit des Alters das weite Feld menschlicher Torheit, Weisheit und Bosheit zu öffnen versteht.
Neue Zürcher Zeitung, 5.4.2008

Schwitter zeigte schon als versierte Prosaautorin ein Faible für postmoderne Fatalitäten: Menschen, die orientierungslos durchs Leben eiern wie eben unser Planet durchs All; die sich in wechselnden Konstellationen immer neu erfinden müssen und doch immer gleich bleiben. [...] Genau das ist die Stärke der Inszenierung von Isabel Osthues. Die 1966 geborene Deutsche übersetzt die arg abstrakte Versuchsanlage in hochironisch gefasste Vorabendserien-Moment, hier am Sterbebett des Vaters, dort an der Bar.
Tages Anzeiger, 5.4.2008

Isabel Osthues, die in Luzern die Uraufführung von Monique Schwitters «Himmels-W» inszeniert, setzt auf handfeste Theatralik. Die Bühne (Sigi Colpe) lässt sich drehen und ist aufgeteilt in zwei grosse Räume, die ineinander übergehen, und einen abgeteilten Toilettenraum. Das Drehen der Bühne eröffnet wechselnde Perspektiven, es entzieht den Schauspielern zuweilen den festen Boden. Es ist kein einfaches Stück. Es spielt nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Köpfen. Im Probenraum des Luzerner Theaters im Eichhof, wo die Zuschauer zu drei Seiten sitzen und die Schauspieler am Anfang und Ende zwischen ihnen Platz nehmen, ist es zuerst einmal heftige, sprachliche und körperhafte direkte Bühnenrealität.
Neue Luzerner Zeitung, 5.4.2008