Meinnicht (UA)

von Gesine Danckwart


mit: Clemens Dönicke, Norman Hacker,
Judith Rosmair, Victoria Trauttmansdorff

Regie: Isabel Osthues
Bühne und Kostüme: Jessica Westhoven
Musik: Patrick Schimanski

Premiere: 23. Oktober 2002
Thalia Theater Hamburg

 

Das ist Deutschland im Jahr 2002: eine hellbraune Plüschgarniturtiefebene, weiße Gardinen und Stehlampen, wie sie in den Möbelhäusern land­auf, landab immer noch verkauft werden. Isabel Osthues inszeniert auf einer Nebenbühne des Thalia Theaters in Hamburg Gesine Danckwarts bissiges und witziges, tragisches und komisches Stück "Meinnicht". Die Bewohner der deutschen Plüschgarniturtiefebene recken wie Maulwürfe ihre Köpfe aus den Ritzen hervor. Und dann kriechen und ziehen und schieben sie sich raus ans Tageslicht und versuchen dort die Sonder­an­ge­bote ihres Lebens wahrzunehmen und feil­zu­bieten. Wenn sie genug gezeigt und geboten haben, stürzen sie sich, zuerst der eine, dann die andere oder alle zusammen, kopfüber wieder zurück in die Ritzen, bis sie wieder daraus hervorkrabbeln, um ihre luftdicht verpackten Wünsche, ihre eingeschweißten Hoffnungen vorzuziehen.

Clemens Dönicke spielt einen, der nur noch Idiot heißt, einen Nichtsnutz und Kindskopf, und er spielt auch, was aus ihm wird: ein Nichtsnutz und Kindskopf, der auf der Couch kleben und alleine bleibt. Er steckt in einem gehäkelten Labber­trainings­an­zug. Seine Mutter heißt Mira. Die Dauerwelle ist unverwüstlich. Victoria Trauttmansdorff spielt sie mit dick gepolsterten Hüften, die sie nicht versteckt, und in der Strick­weste-Rock-Kombination aller Frauen, die in den Chor der Mütter eingetreten sind – eine Zimmer­pflanze mit Küche, Kindern, Kabel­anschluß. Sie träumt von einem Schnulzen-Sonnen­unter­gang, durch den ihr Prinz reitet, der dann mit ihr ab ins Bett geht. Judith Rosmair gibt ihre Tochter Prompt aus dem Stamme Barbie. Ihre staksigen Beine stecken in der weißen Strumpf­hose des Klein­mäd­chen­traumes: Ballerina werden. Sie trägt ein auf­ge­papptes rosa Kind­chen­papier­kleidchen. Das goldene holde und hohle Locken­pracht­köpf­chen hat kugel­rund schön­geschaute blaue Augen. Die wird sie auch nicht verlieren, wenn sie als aus­ge­wachsenes Barbie­püppchen alleine wohnt und am Telefon mit den Wimpern klimpert. Norman Hacker spielt den Vater als Geburts­tags­über­raschung und den Mann als Büro­krankheit – zwischen Höhen­flug im Flur und Scherben­haufen­existenz daheim.

Es gibt in diesem kurzen, scharfen, bösen und lustigen Stück keine Handlung, keine Entwicklung, nur Typen. Die Mehrheit, die Masse als Macht und Marotte, als Vater und Mann, als Mutter und Frau, als Tochter und Mädchen und junge Frau, als Sohn und Junge und junger Mann, sie dümpelt auf der Stelle, geht auf wie ein Hefeteig, trägt dick Schminke auf, setzt Fett an, hängt und rennt rum, lebt allein unter vielen – die Träume würfel­zucker­groß –, hat sich früh verpaßt, verloren und ver­schenkt, stürzt sich immer wieder zurück in die heimeligen Ritzen der Plüsch­garnitur­tief­ebene, stürzt sich auch mal aus dem Fenster, sammelt sich dann drunter wieder auf und beginnt frisch kaputt einen neuen Tag: in Deutschland, im fünften Jahr der Mitte. Beifall.



Text: Eberhard Rathgeb
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Fotos: Arno Declair